Im Schatten des Vesuv

Zwischen Gassen und atemberaubenden Aussichten;
Neapel – die Stadt der Kunst und des guten Lebens.

Text: Dario Santangelo

Fotos: Dario & Diego Santangelo

Sonnenaufgang in Neapel. Foto: Dario Santangelo

Sonnenaufgang in Neapel. Foto: Dario Santangelo

Um dreiviertel sechs Uhr morgens beginnt die Sonne vor der stillen Stadt, die sich √ľber das Klischee hinwegsetzt, dass sie immer chaotisch und laut ist, den Himmel hinter dem Vesuv in goldenes Licht zu tauchen. Der Schatten des Vulkans erstreckt sich √ľber den Golf und versucht, die K√ľstenlinie von Neapel zu ber√ľhren. Es ist wie die Z√§rtlichkeit eines Vaters f√ľr seine noch schlafenden Kinder, wenn er das Haus verl√§sst, um zur Arbeit zu gehen.

Der Schatten des Vesuvs ist der Atem, der die Stadt zum Leben erweckte, die symbolische Prägung des Charakters der Neapolitaner und ihrer Lebensweise. Erde, Feuer und Wasser vereinen sich in dem Landgebiet wie in der Seele des Neapolitaners. Wurzeln, Leidenschaft und Fluidität bestimmen den daraus resultierenden Charakter.

Der Neapolitaner ‚Äď Tiefe Wurzeln und kosmopolitischer Geist

 
Die Suche nach dem Ursprung dieses Volkes ist keine Suche nach faden Nationalismen, sondern vielmehr die Entdeckung eines Kaleidoskops, das sich aus den Facetten von 2800 Jahren mediterraner Geschichte zusammensetzt. Die Stadt wurde von den Griechen gegr√ľndet, zuerst das antike Partenope und dann die Neue Polis (Neapel), gefolgt von den R√∂mern, die sie gro√ü und m√§chtig machten. Die arabische Kultur ber√ľhrte sie mehrmals, doch dann malten die Normannen, die Anjou, Friedrich II. von Schwaben und schlie√ülich der spanische Hof die K√§stchen eines √ľber einen langen Zeitraum hinweg entstandenen Bildes aus.

Der Melting Pot der Kulturen hat ein Volk hervor¬≠gebracht, das sich zur Gastfreundschaft berufen f√ľhlt und einen kosmopolitischen Geist besitzt. Die Gastfreundschaft dieser Stadt und der Neapolitaner zu erleben, ist eine einzigartige Erfahrung. Die Reisenden, die in Neapel ankommen, sollten den Medienl√§rm, der die Stadt f√§lschlicherweise als voller Gefahren beschreibt, nicht beachten und sich von der W√§rme der neapolitanischen Lebensart einh√ľllen lassen, die so archaisch und beruhigend ist wie die vulkanische Erde, aus der sie entstanden ist. Ein Spaziergang durch die Stra√üen der Altstadt ist ein Bad in einer chaotischen, harmonischen und studierten Art, das Leben zu genie√üen.

Foto: POSILLIPO UND SEINE EXKLUSIVE WELT Der Palazzo Donn’Anna mit seiner Eleganz eines Adelshauses vom Anfang des 17. Jahrhunderts markiert eine ideale Linie zwischen der Stadt und dem Beginn des Posillipo-H√ľgels. Dieser herrliche Ort mit atemberaubenden Aussichten ist heute der Wohnsitz der wohlhabendsten Neapolitaner.

Farben, Anregungen und D√ľfte umh√ľllen die Seelen der Reisenden, die diese Stadt f√ľr immer verliebt verlassen. ‚ÄěIch reise ab. Ich werde weder die Stra√üe von Toledo noch die Aussicht, die wir aus allen Stadtteilen Neapels haben, vergessen: Sie ist unvergleichlich, in meinen Augen die sch√∂nste Stadt des Universums‚Äú, schrieb Stendhal, als er Neapel im Jahr 1817 verlie√ü.

Wie f√ľr Dichter und K√ľnstler ist Neapel auch f√ľr den gew√∂hnlichen Touristen eine inspirierende Stadt. Die W√§rme dieses Landes ist die uralte Seele der Neapolitaner, die in einer Landschaft verwurzelt ist, die Gedanken an die Unsterblichkeit weckt. ‚ÄěNeapel sehen und sterben!‚Äú, so hei√üt es in den Schriften Goethes, der sich in die Stadt verliebte und so den Imperativ √ľberlieferte, dass jeder Mensch mindestens einmal im Leben vom H√ľgel Posillipo (aus dem griechischen ‚ÄěPausilypon/Ort fern der Sorgen‚Äú) auf den Golf von Neapel blicken sollte.

Foto: DIE GEM√úSEG√ĄRTEN VON NEAPEL Die 1001 Gem√ľseg√§rten von Neapel zwischen den Geb√§uden der Stadt sind kleine gr√ľne Oasen, die saftige Orangen und Zitronen hervorbringen. Und all das Gem√ľse, das f√ľr die neapolitanische Gastronomie typisch ist. Fantastische Produkte dank der Zusammensetzung des Bodens, der √ľber Millionen von Jahren vom Vesuv befruchtet wurde.

Foto: GENUSS ZUM GREIFEN NAH Wenn man durch die Gassen Neapels flaniert, ist das Angebot an kleinen Vergn√ľgungen unendlich. Bei einem Spaziergang durch die Altstadt begegnet man den Verk√§ufern von Zitronen-Granitas, von denen der ber√ľhmteste Carmine ist. Aber es gibt auch kleine Stehcaf√©s f√ľr einen schnellen Espresso, Verk√§ufer von S√ľ√üem, wie Sfogliatella und Bab√†, frittierter Pizza und vielem mehr.

Leidenschaft ‚Äď das Feuer, das den Atem der Stadt belebt

In Neapel geht alles schnell, obwohl die Ver√§nderungen in diesem Schmelztiegel, der die Stadt ist, langsam ¬≠reifen. Wenn man um die Ecke eines ‚ÄěVicolo‚Äú, einer der engen Gassen im Zentrum Neapels, biegt, ist es manchmal, als w√ľrde man durch ein Zeitportal gehen und sich zwischen transparenten Bildern der Gegenwart bewegen, durch die man ganz nat√ľrlich die lebendige Vergangenheit erkunden kann.

Die Moderne lebt in Symbiose mit der Vergangenheit. Die alten Kl√∂ster im Zentrum stehen neben den trendigen Tavernen f√ľr Touristen, der historische Musik¬≠instrumentenbau in der Via San Sebastiano, in der N√§he des Konservatoriums, neben den neapolitanischen Merchandising-Gesch√§ften f√ľr Touristen.

Der Ber√ľhrungspunkt von Gegenwart und Vergangenheit ist die Lebensart der Neapolitaner, die sich im Laufe der Zeit nie ver√§ndert hat. Auf einer Seite ist da das hektische Tempo der Stadt, in der sich die Neapolitaner langsam und entspannt bewegen. Jede Idee, jeder Impuls wird schnell aufgegriffen und in Aktivit√§t umgesetzt, aber dann hat das Tun seinen eigenen Zeitrahmen, in dem die Praktiken des t√§glichen Lebens ihren Platz finden m√ľssen: ein schneller Kaffee mit einem zuf√§llig getroffenen Freund. Das heilige Ritual des Mittag¬≠essens, das mit dem Abendessen Hand in Hand geht. An der Bar √ľber das letzte Fu√üballspiel von Napoli plaudern und zwei Minuten an einer Stra√üenecke das Gesicht der Sonne zugewandt verweilen, um die Batterien der Leidenschaft aufzuladen. Projekte werden vorangetrieben, die Arbeit geht voran, eine L√∂sung f√ľr ein Problem wird gefunden, aber das langsame, ruhige Atmen der Stadt wird nie gest√∂rt. Das ist die Kunst des guten Lebens.Das Angebot der Stadt f√ľr Einheimische und Besucher ist vielf√§ltig: von Handwerksbetrieben √ľber kleine Mode¬≠gesch√§fte bis hin zu den zahlreichen bunten Grei√ülern, die k√∂stliche Lebensmittel verkaufen. Vom raffinierten Restaurant √ľber die traditionelle Taverne bis hin zu den Tausenden von Street-Food-L√§den. Von den im Vergleich zu den anderen Pl√§tzen Europas unkonventionellen Stra√üenk√ľnstlern bis hin zu dem Charakter, bei dem man nicht wei√ü, was er tut und was er anbietet, der dich aber anh√§lt und sympathisch ein paar Minuten mit seinem Angebot unterh√§lt ‚Ķ was immer es auch sein mag.

Derjenige, der tut, tut es mit Leidenschaft und bietet sein Produkt mit ganzer Begeisterung an. Der Reisende aus dem nordeurop√§ischen Kulturkreis kann sich an-gegriffen f√ľhlen, in seiner Intimsph√§re bedr√§ngt. Man muss loslassen, sich gehen lassen. Wer nach Neapel kommt, muss vertrauensvoll in diesen Fluss des Lebens, der die Stadt ist, eintauchen und sich treiben lassen.

Alles flie√üt ‚Äď eine Stadt im Zeichen des Werdens

Das heraklitische P√°nta rhe√ģ findet seinen eindrucksvollsten Beweis in Neapel. Es ist nicht m√∂glich, zweimal in diese Stadt einzutauchen und dieselbe Erfahrung zu machen. Nicht nur, weil sich alles ver√§ndert, sondern auch, weil es der Besucher selbst ist, der ver√§ndert wird. Um Neapel kennenzulernen, muss man alle Erwartungen √ľber Bord werfen und sich auf das einlassen, was die Stadt zu bieten hat. Jeder neue Besuch wird der erste sein, voller Entdeckungen und Faszinationen, die sich nicht wiederholen, die nicht erm√ľden.

Es ist die Stadt selbst, die einen st√§ndigen Wechsel der Perspektive bietet. Die lauten Gassen, Vicoli, und engen Stra√üen des Zentrums, in denen man wie auf einem Skateboard jonglieren muss, um durch den chaotischen Strom von Menschen, Mopeds, Autos und Stra√üenverk√§ufern zu kommen. Dann, wenn man die H√ľgel hinaufsteigt, √∂ffnet sich an einer Stra√üenkurve pl√∂tzlich ein Panorama, das einem den Atem raubt. Das Motiv ist immer dasselbe, der Golf von Neapel und die imposante Masse des Vesuvs, aber mit dem Wechsel des Blickwinkels ver√§ndert es sich. Einmal ist der Vesuv ganz nah, riesig, fast zum Greifen nah, aber dann verblasst er in der Landschaft der sorren¬≠tinischen K√ľste, die ihm folgt, und der Blick gleitet schnell an den Reliefs und Kurven der K√ľste entlang, ¬≠bevor er auf das Profil von Capri springt.

Und dann gibt es noch die Stadt, die man nicht sehen kann ‚Äď das Napoli Sotterranea: eine Reihe von arch√§ologischen und pal√§oarch√§ologischen St√§tten auf mehreren Ebenen unter dem historischen Zentrum. Ein Stadtgrundriss, der sich sowohl oben als auch unten wiederholt, der aber durch die Zeitalter, griechisch und r√∂misch, hindurchgeht und an der Oberfl√§che in der heutigen geschichtstr√§chtigen Stadt endet. Aber Neapel verbirgt noch viel mehr unter der Erde, und zwar an mehreren Stellen, etwa den Bourbon-Tunnel, die Katakomben von San Gennaro und unterirdische Friedh√∂fe.
Es bleibt keine Zeit zum Verweilen, weder in den Vicoli noch vor den Aussichten oder im Untergrund. Alles flie√üt. Die Stadt ist flie√üend wie das Meer, wie die Str√∂mung des Golfs, die an ihrer K√ľste entlangl√§uft und die Wellen dazu bringt, an die Ufer zu schlagen, wie dreiviertel sechs Uhr morgens, wenn die Sonne aufgeht und die Wellen die Z√§rtlichkeit des Vesuvs der Stadt √ľberbringen.

Ein weiterer Tag ist vergangen, aber das Neapel des Vortags gibt es nicht mehr. Vor den schl√§frigen Augen des Touristen am Fenster seines Hotels, der an seinem neapolitanischen Espresso nippt, den er zu schl√ľrfen gelernt hat, ohne sich Gedanken dar√ľber zu machen, wie wenig in der Tasse ist, gibt es eine neue Stadt zu entdecken. Ein neues Bad in der Kunst des guten Lebens im Schatten des Vesuvs.

 

Foto: SPACCANAPOLI – DIE √ĄLTESTE STRASSE DER STADT Der Name dieser Stra√üe bedeutet w√∂rtlich √ľbersetzt „schneidet Neapel in zwei Teile“. Wenn man die Stadt von San Martino auf dem Vomero-H√ľgel aus betrachtet, durchschneidet diese Stra√üe das gesamte Stadtzentrum in einer perfekten geraden Linie. Es handelt sich um die Stra√üe, die von den Griechen bei der Gr√ľndung von Neapolis angelegt wurde. Sie ist das geometrische Zeichen der griechisch-r√∂mischen Stadtplanung, das seit mehr als zweitausend Jahren √ľberlebt.

Foto: DER N√ĖRDLICHSTE SUQ DES MITTELMEERS Die gesamte Altstadt innerhalb der Stadtmauern ist wie ein Suq der arabischen Welt. Unz√§hlige kleine Gesch√§fte und Boutiquen bieten ihre Waren an. Laden- und kleine Tavernen-Besitzer halten Touristen auf der Stra√üe an und laden sie ein. Alles ist bunt und duftet nach den K√∂stlichkeiten des Street Food.

7 DINGE, DIE MAN UNBEDINGT KOSTEN MUSS

1. Espresso napoletano
Er ist der kleinste und geschmacksintensivste der in Italien zubereiteten Espresso. Samtig, mit einer dunkelbraunen Crema ‚Äď ein explosives Konzentrat der Stadt.

2. Sfogliatella und Babà
Die beiden ber√ľhmtesten Kaffeehaus-Desserts Neapels. Ersteres ist ein St√ľck Stadtgeschichte ‚Äď au√üen knusprig und innen ein cremiges Herz. Der Bab√† ist eine Mischung aus einladender Weichheit und saftig alkoholischer Feuchtigkeit ‚Ķ ein endloser Genuss.

3. Pizza Napoletana
Pizza ist heute global. Aber die neapolitanische Pizza gibt es nur in Neapel. Die UNESCO hat die Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers 2017 zum Weltkulturerbe erklärt. Neben dem Essen kann man das Spektakel der Pizza-Zubereitung genießen.

4. Pizza Fritta
Die ‚Äěarme‚Äú, aber k√∂stliche Schwester der gebackenen Pizza. Es gibt sie in der Pizzeria, aber sie ist auch eines der beliebtesten Street-Foods der Neapolitaner. Die frittierte Pizza wurde von Sofia Loren im Film ‚ÄěDas Gold von Neapel‚Äú unsterblich gemacht.

5. Neapoletanisches Rag√Ļ
Die Alma Mater der neapolitanischen K√∂che. Ein Kult, der in den Familien praktiziert wird. Ein Eintopf aus Tomaten und verschiedenen Fleischsorten. Das Ergebnis ist eine au√üer¬≠gew√∂hnliche, aber k√∂stliche Sauce f√ľr Pasta und Fleisch.

6. Die Genovese
Niemand wei√ü, warum dieser Rindereintopf mit vielen Zwiebeln nach der ligurischen Hauptstadt benannt ist. Dar√ľber gibt es viele Mythen, aber keine Gewissheit. Eine duftende Sauce, die mit Nudeln und Parmesan genossen wird.

7. Minestra di Pasta und Kartoffeln
Ein traditionelles Arme-Leute-Gericht. Pasta wird in einer Kartoffelsuppe gekocht, mit Zwiebeln, Karotten und Schinken gew√ľrzt. Am Ende werden ger√§ucherter Scamorza-K√§se und gew√ľrfelte Parmesanrinde hinzu¬≠¬≠gef√ľgt. Alles zerl√§uft und verschmilzt ‚ÄĒ eine Apotheose!

7 UNVERZICHTBARE ERLEBNISSE IN NEAPEL!

1. Unterirdisches Neapel
40 Meter unterhalb der Kirche von San Lorenzo Maggiore, bei der Piazza San Gaetano, ruhen unter den belebten Gassen Neapels die vielen Kapitel der Stadtgeschichte ‚Äď von der griechisch-¬≠r√∂mische Stadt bis zum Luftschutzbunker des Zweiten Weltkriegs.

2. Palazzo dello Spagnolo und Friedhof Fontanelle
Der Palazzo aus dem 18. Jahrhundert ist einer der schönsten Adelspaläste Neapels. Der Friedhof aus dem 17. Jahrhundert wurde während der Pest angelegt und ist ein einzigartiger und beeindruckender Ort. Beides im Bezirk Materdei.

3. Krippenbauer in der Via San Gregorio Armeno
In der Straße des Krippen- und des Krippenfiguren-Handwerks in Neapel treffen Gegenwart und Vergangenheit in einer einzigartigen Kunst aufeinander.

4. Presepe Cuciniello
Die sch√∂nste, gr√∂√üte und faszinierendste Weihnachtskrippe Neapels aus dem 18. Jahrhundert im Museum von San Martino auf dem Vomero-H√ľgel.

5. 360-Grad-Blick auf Neapel
Vom Exerzierplatz des Castel Sant‚ÄôElmo in San Martino auf dem Vomero-H√ľgel reicht der Blick √ľber den Golf von Neapel, die Inseln und das Hinterland der Stadt. Eine atemberaubende Aussicht!

6. Botanischer Garten von Neapel
Er ist einer der √ľberraschendsten Orte in Neapel. Der Garten wurde von den Bourbonen gegr√ľndet und geh√∂rt zur Universit√§t von Neapel. Vor einigen Jahren wurde er wieder der √Ėffentlichkeit zug√§nglich gemacht. Nicht verpassen!

7. Sonnenuntergang im Virgiliano-Park
Der Virgiliano-Park auf dem Posillipo-H√ľgel bietet eine der sch√∂nsten Kulissen der Welt f√ľr Sonnenunterg√§nge. Seine Aussichts¬≠terrasse mit Blick auf die Inseln Nisida, Procida, Ischia und die Landspitze von Capo Miseno ist ein magischer Ort.